Val Grande: Gehen, wo keine Wege mehr gepflegt werden
Zwischen Verbano und Ossola liegt eines der größten Wildnisgebiete der Alpen. Wir folgen dem Wald, der die alten Alpweiden zurückholt, und beschreiben, was es heißt, Gelände ohne Markierung zu lesen.
Wer vom Tessin aus nach Süden über die Grenze schaut, sieht ein Meer aus bewaldeten Rücken, das kein Ende zu nehmen scheint. Es ist das Val Grande, ein Nationalpark im piemontesischen Hinterland zwischen Lago Maggiore und Val d’Ossola — und eines der wenigen Gebiete der Alpen, in denen man tagelang gehen kann, ohne auf gepflegte Infrastruktur zu treffen. Diese Saison ist es genau das, was viele suchen: nicht den nächsten erschlossenen Gipfel, sondern ein Gelände, das einem nichts vormacht.
Der Wald nimmt sich das Tal zurück
Das Val Grande war nie leer. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde hier gealpt, Vieh zog auf die Hochweiden, Köhler brannten Holzkohle, Holzfäller schlugen Buche und Kastanie. Was das Tal heute so eindrücklich macht, ist nicht das Verschwinden dieser Nutzung, sondern das, was seither wächst: Buchenhallenwald, der die alten Terrassen überspannt, Erlengebüsch, das die aufgelassenen Weiden schließt, und in den höheren Lagen ein zäher Bergwald, der sich Meter um Meter zurückholt, was ihm einst genommen wurde.
Aktuell rechnet man die Kernzone zu den strengsten Schutzflächen der italienischen Alpen. Kein forstlicher Eingriff, keine Wegpflege in der Tiefe des Tals — was umstürzt, bleibt liegen, was zuwächst, wächst zu. Für den Wanderer bedeutet das ein Gelände, das sich von Jahr zu Jahr verändert. Ein Steig, der im Vorjahr noch begehbar war, kann diese Saison unter Windwurf verschwunden sein.
Die Alpe als Merkzeichen
Orientierung im Val Grande läuft über die alten Alpen — die Weideplätze mit ihren zerfallenden Ställen aus Trockenmauerwerk. Alpe Serena, Alpe Straolgio, In La Piana: Diese Namen strukturieren jede Tourenplanung, weil sie die einzigen offenen Flecken in einem sonst geschlossenen Waldland sind. Wer eine Traverse plant, hangelt sich von Lichtung zu Lichtung, und zwischen ihnen liegt oft nur eine schwache Wegspur, die man mit den Füßen mehr sucht als sieht.
Die Ruinen selbst sind keine Kulisse. Sie sind Wasserstellen, Wetterschutz und Notlager zugleich — und sie erzählen, in welcher Höhenlage sich Bewirtschaftung einmal gelohnt hat. Wer Trockenmauern lesen kann, liest zugleich die Topografie: dort, wo flach genug für Vieh war, steht heute die Alpe.
Was Gelände ohne Weg verlangt
Gehen ohne gepflegten Pfad ist keine Frage von Kraft, sondern von Aufmerksamkeit. Ein paar Grundsätze, die sich hier bewähren:
- Zeit großzügig kalkulieren. Distanzen, die auf der Karte harmlos aussehen, dauern im verwachsenen Steilwald das Doppelte. 300 Höhenmeter pro Stunde sind im dichten Val-Grande-Gelände schon ein guter Schnitt.
- Wasser mitdenken. Die Grate sind trocken. Quellen finden sich verlässlich nur an den Alpen und in den Tobeln — und im Hochsommer versiegen auch diese.
- Die Karte nie aus der Hand geben. Es gibt keine Beschilderung, die einen Fehler korrigiert. Ein Kompass und das Wissen, wo Norden liegt, ersetzen hier jedes Schild.
- Umkehren dürfen. Wenn eine Spur sich verliert und der Hang steiler wird, ist der sichere Rückweg die Route derselben Spur zurück, nicht das Weitertasten ins Ungewisse.
Warum das Tal weiter gehört
Das Val Grande ist kein Ort für den schnellen Gipfelhaken. Die höchsten Erhebungen — der Monte Togano knapp über 2300 Meter, der Pizzo Proman als Aussichtsbalkon über dem Verbano — sind gute Ziele, aber sie sind nicht der Grund, warum man kommt. Der Grund ist die Erfahrung eines zusammenhängenden, ungezähmten Raums, wie er in den dicht erschlossenen Zentralalpen kaum noch existiert.
Für ein Journal, das seit 2004 alpine Unternehmungen dokumentiert, ist das Val Grande deshalb ein ständiger Fixpunkt und nicht bloß ein Nachbartal. Es liegt direkt südlich der Tessiner Grenzberge, teilt deren Wetter, deren Fels, deren Waldgesellschaften — und es zeigt, wohin sich ein Alpental entwickelt, wenn der Mensch die Hand zurücknimmt.
Ein Vorschlag für diese Saison
Wer das Tal zum ersten Mal betritt, sollte nicht mit einer Durchquerung beginnen. Ein Tagesgang vom Rand ins erste Alpengelände — etwa hinauf zu einer der gut erreichbaren Alpen mit Rückkehr auf gleichem Weg — lehrt mehr über das Val Grande als jede Beschreibung. Man spürt, wie schnell der Wald die Sicht schließt, wie ungewohnt still es ohne begegnende Gruppen wird, und wie sehr man sich auf die eigene Orientierung verlässt.
Die stabilen Wetterfenster im Frühherbst sind dafür ideal: das Laub noch grün, die Quellen wieder gefüllt, die Luft nach den Sommergewittern klar. Es ist die Zeit, in der sich das Val Grande am ehrlichsten zeigt — als lebendige Wildnis, die man betritt, nicht als Bild, das man betrachtet.